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Deutschsprachige Medien in Israel

IMH-Leiter Björn Akstinat schrieb den ersten Artikel über die deutschsprachigen Publikationen und Rundfunkprogramme im Heiligen Land – der Beitrag erschien unter anderem im jüdischen Magazin TACHLES aus Zürich:

Man könnte meinen, dass Juden im Nahen Osten nach 1945 nicht mehr viel mit der deutschen Sprache zu tun haben wollten und bis heute nicht wollen. Dem ist aber nicht so. Zahlreiche israelische Juden mit deutschen beziehungsweise mitteleuropäischen Wurzeln und deren Nachfahren, auch Jeckes genannt, interessieren sich stark für ihre ehemalige Heimat und die einstige Muttersprache. Oftmals sind es gerade diejenigen, die in der Nazizeit besonders zu leiden hatten.

Das Interesse äussert sich nicht zuletzt darin, dass einige von ihnen im Heiligen Land deutschsprachige Medien gegründet haben. Heute existieren in Israel mindestens zehn Publikationen auf Deutsch, darunter eine Monatszeitung und neun Zeitschriften, Mitteilungsblätter beziehungsweise Jahrbücher. Ausserdem werden mehrere Internetseiten sowie eine Fernsehsendung in der Muttersprache der Jeckes produziert. Berücksichtigt man noch die jiddischen Medien, so kommen beim Zusammenrechnen etwa fünf Zeitschriften und ein Radioprogramm von Kol Israel hinzu.

Schon vor der offiziellen Gründung Israels entstanden die ersten Publikationen. Die Nachfrage danach war gross. Am Anfang des 20. Jahrhunderts kamen Tausende Juden aus Deutschland in den Nahen Osten und gründeten Siedlungen und Kibbuze wie Hazorea, Dalia und die Stadt Nahariya. Sie konnten häufig kein Hebräisch.

1932 wurde das «MB – Mitteilungsblatt» der Vereinigung der Israeli mitteleuropäischer Herkunft («Irgun olei merkas Europa») in Tel Aviv gegründet. Es erscheint bis heute ohne Unterbrechung. Die lange Erscheinungsdauer ist ein kleines Wunder. Natürlich hat es mit der Zeit einige Änderungen gegeben. So gibt es mittlerweile neben den deutschsprachigen Artikeln auch 
hebräischsprachige und der Titel lautet jetzt «MB – Yakinton». Der Zusatz «Yakinton» stellt ein Wortspiel aus «Jecke» sowie der hebräischen Bezeichnung für «Zeitung» («iton») dar – gleichzeitig ist es auch der hebräische Name der Hyazinthe, einer typischen Blume aus dem östlichen Mittelmeerraum. Als Redaktionsleiter fungiert momentan Michael Dak. Er erstellt sieben bis acht Ausgaben des Verbandsmagazins pro Jahr. Gelesen wird es von schätzungsweise 10 000 Menschen in Israel und im Ausland.

1936 gründete Siegfried Blumenthal, ein aus Berlin ausgewanderter jüdischer Buch- und Pressefachmann, in Tel Aviv die deutschsprachige 
Zeitung «Blumenthals Neueste Nachrichten». Die Auflage des Tageblatts überstieg in den 1950er-Jahren die der meisten anderen Zeitungen Israels, und zu den Kolumnisten gehörten so berühmte Schriftsteller wie Max Brod und Arnold Zweig. Später wurde die Zeitung in «Israel-Nachrichten» umbenannt. Chefredaktorin war von 1975 bis zu ihrem Tod im Jahre 2007 die bekannte Journalistin und Schriftstellerin Alice Schwarz-Gardos. Sie hatte in der Redaktion zuletzt nur zwei Mitarbeiter als Unterstützung. Für ihre fast übermenschliche Arbeit als Zeitungsmacherin und Buchautorin wurde sie mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie war Mitbegründerin der Internationalen Medienhilfe, des Netzwerks der deutschsprachigen Auslandsmedien, und galt lange als älteste Chefredaktorin der Welt. In Wien am 31. August 1916 geboren und in Pressburg 
aufgewachsen, gelang sie nach abenteuerlicher Flucht 1939 mit ihren Eltern nach Palästina. Zweifellos war sie nach dem Krieg der «Motor» des Tageblatts. Als sie verstarb, fehlte die entscheidende Kraft. 2010 wurde die Erscheinungsweise der «Israel-Nachrichten» von täglich auf wöchentlich umgestellt und 2011 kam das endgültige Aus für die gedruckte Zeitung. Zwei Jahre später starteten ehemalige Leser aus Jerusalem als Nachfolgemedium im Internet das sehr umfangreiche und ständig aktualisierte Informationsportal www.israel-nachrichten.org.

Eine sehr traditionsreiche Publikation, die neben dem «Mitteilungsblatt» des «Irgun olei merkas Europa» bis heute in Tel Aviv überlebt hat, ist «Die Stimme». Hinter dieser seit 1945 erscheinenden Monatszeitung steht als Herausgeber der Weltverband der Bukowiner Juden. Die Redaktionsarbeit erledigt Bärbel Rabi. Sie erklärt: «Unsere Zeitung hat circa 500 Abonnenten. Die Leserschaft dürfte etwa doppelt so gross sein. Rund 70 Prozent der Leser leben in Israel, 20 Prozent 
im deutschsprachigen Europa sowie zehn Prozent in den USA, Südamerika und Australien. Unsere Monatsschrift kann nicht am Kiosk erworben werden, sondern wird ausschliesslich an Abonnenten verschickt. Die Leser sind Juden aus der ehemaligen Bukowina, die heute zur Ukraine und zu Rumänien gehört.» Auf die Frage, ob die deutschsprachigen Druckmedien Israels auch zukünftig noch mit neuen jungen Lesern rechnen können, sagt Rabi, dass Deutsch momentan sehr in Mode sei.

Besonders ansprechend für junge Leute ist 
die äusserst modern gestaltete Zeitschrift «Israel heute» aus Jerusalem. Sie erblickte 1978 das Licht der Welt. Seitdem berichtet sie monatlich über Politik, Wirtschaft und Kultur – meist aus einem christlich-jüdischen Blickwinkel. Ein Grossteil der Bezieher sitzt in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Herausgeber Aviel Schneider produziert auch eine Fernsehsendung, die den gleichen Namen trägt wie das Heft. In Israel kann man sie allerdings nicht empfangen. Ausgestrahlt wird sie nur in Deutschland, zum Beispiel bei «Bibel TV».

Ebenfalls aus der Hauptstadt kommt das bis 
zu 80 Seiten starke Quartalsmagazin «Jerusalem Gemeindebrief – Stiftungsjournal». Dahinter stehen das Deutsche evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes und die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache. Der Gemeinde gehört die berühmte und deutlich herausragende Erlöserkirche inmitten der Jerusalemer Altstadt. Wenn man die Herausgeber kennt, kann man sich leicht denken, welche Themen in der Publikation behandelt werden.

Ansonsten besteht die deutschsprachige Medienszene Israels aus Mitteilungsblättern wie dem kostenlosen «Rundbrief» der Dormitio-Benedik­tinerabtei, aus wissenschaftlichen Fachzeit­schriften und Jahrbüchern wie dem «Jüdischen Almanach» des Jerusalemer Leo-Baeck-Instituts. Das Institut, benannt nach dem berühmten 
Rabbiner Leo Baeck, wurde 1955 von mehreren bedeutenden deutschen Juden gegründet und hat drei Niederlassungen. Es beschäftigt sich mit der Erforschung, Dokumentation und Förderung der deutschsprachigen jüdischen Kultur in 
Mitteleuropa. Heute zählt das Institut zu den grössten unabhängigen jüdischen Forschungseinrichtungen weltweit.

Björn Akstinat ist der Leiter der Internationalen Medienhilfe, des Verbandes der deutschsprachigen und jiddischsprachigen Medien weltweit.

 

Der Text kann auch hier auf der Internetseite der jüdischen Zeitschrift TACHLES aus Zürich nachgelesen werden:
https://www.tachles.ch/news/print/kulturelle-bruecken-zwischen-israel-und-europa